Wenn mein lieber Freund Stefan mich bittet, einen Gastbeitrag über meine Erfahrungen über das Chinesischlernen zu schreiben, dann komme ich diesem Wunsch natürlich gerne nach. Dabei kann ich eigentlich nur über den Beginn schreiben, denn an eben jenem stehe ich gerade. Obwohl: Ich kann mir gut vorstellen, dass man dieses Gefühl – am Beginn zu stehen – im Fall der chinesischen Sprache ewig in sich trägt, selbst nach mehreren Jahren des Studiums. Aber das ist jetzt eine Mutmaßung.
Was soll ich sagen? Stefan hat mich mit seiner Sinophilie angesteckt. Auslöser war eine einmonatige Reise in das Reich der Mitte. Bereits nach zwei Tagen kamen mir einige Zeichen vertraut vor, so häufig waren sie mir in der kurzen Zeit ins Auge gesprungen. Meine Neugierde war geweckt. “Was bedeutet dieses Zeichen da?” war meine an manchen Tagen dutzendfach gestellte Frage. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang noch an „mein“ erstes Mal: Es bestand aus einem kleinen Quadrat, das in der Hälfte von einem vertikalen Strich durchzogen war. Es erschien mir simpel und anmutig zugleich, einfach hübsch anzusehen. Es handelte sich um das Zeichen für “Mitte” (中), und als ich diese Bedeutung erfuhr, war ich fasziniert von der diesem Zeichen offensichtlich innewohnenden Logik. Eine Entdeckung, die sich fortsetzte. Ab der ersten Reisewoche sah mich die Pupille im “Auge” (目) von überall aus an – sie lugte von Werbeplakaten, auf Hinweisschildern und selbst auf den Hygienevorschriften auf den Toiletten. Bald erfuhr ich von einer Liste relativ weniger Radikale, aus denen sich praktisch alle Schriftzeichen zusammensetzen. Ich sah eine Sonne durch eine Türe und wusste bald, dass ich ein Hilfszeichen für “Innenraum” (间) entdeckt hatte. Ich erkannte den Gipfel im Zeichen für “Berg” (山) und fand, dass der Querschnitt eines Stahlträgers recht gut zum Zeichen “Arbeit” (工) passte. Freilich sahen die kaiserlichen Hofbeamten die industrielle Revolution noch nicht kommen, als sie ihre Zeichen entwickelten, aber das hemmte meine neue Leidenschaft nicht. Wenn man die „Arbeit“ mittig durchstreicht, dann erhält man das Zeichen für “König” (王). Ist doch logisch, oder haben Sie schon einmal gesehen, dass ein König Schwerarbeit verrichtet hätte? Und dass der König sich dieses Zeichen mit der Bedeutung für den Jade-Edelstein teilt, erschien mir ebenfalls schlüssig.
Diese Aufzählung könnte ich noch lange fortsetzen, denn seit der Rückkehr aus China zählt die Beschäftigung mit der chinesischen Sprache zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich schließe nicht aus, zu einem späteren Zeitpunkt einmal einen Chinesisch-Kurs zu besuchen, aber bislang macht mir das selbständige Entdecken einen riesigen Spaß. In dieser Hinsicht ist das Internet ein Segen, ermöglichen darin doch zahlreiche Webseiten das Aha-Erlebnis.
Wenn ich im Internet auf chinesische Schriftzeichen stoße, analysiere ich sie gerne im “Language Center” von www.yellowbridge.com, meinem derzeit wichtigsten Online-Lehrmeister. Es ist faszinierend, mehrsilbige Wörter auf die Bedeutung der einzelnen Silben herunter zu brechen. Simples Beispiel: Tofu, auf Han-Chinesisch Dou Fu, setzt sich aus den Wörtern für “Bohne” und “Käse” zusammen, bedeutet also wörtlich “Bohnenkäse”. Aus dem Kaviar werden dann “Fischkinder”, die Yamswurzel ist “Bergmedizin”, und die Bezeichnung für Mais als “Jadereis” lässt vermutlich auf die hohe Wertigkeit eines einst exotischen Gemüses schließen.
Bei der Betrachtung meiner auf der Chinareise entstandenen Fotos machen mich mitunter Schriftzeichen neugierig. Um deren Bedeutung zu erfahren, male ich sie im Schriftzeichen-Creator von www.nciku.com nach. Ich versuche dabei stets, die richtige Strichfolge einzuhalten. Dabei hilft mir ein Buch, das erstmals in den 1980er-Jahren erschienen ist und seither mehrmals nachgedruckt wurde: “The Most Common Chinese Radicals” von Zhang Pengpeng (张朋朋), Sinolingua. Es behandelt jene 144 Radikale, aus denen sich praktisch alle chinesischen Schriftzeichen zusammensetzen. Bei einigen wird die Entwicklung von deren Urform bis heute dargestellt. Das hilft mitunter, im Radikal für “Frau” eine Teig knetende Person zu erkennen oder den Fisch im diesbezüglichen Radikal zu sehen.
Um die Aussprache mit all den Feinheiten in den vier Tönen zu trainieren, habe ich mir einen vom Radiosender SWR2 produzierten Podcast heruntergeladen, der vor einigen Jahren im Vorfeld der Olympischen Spiele in Bejing ausgestrahlt wurde und noch immer online ist:
Die insgesamt 70 Folgen sind pädagogisch gut aufgebaut und ermöglichen nach mehrmaligem Anhören zumindest den Smalltalk mit chinesischen Taxifahrern. Um diesen Podcast möglichst effizient zu konsumieren, musste ich mich im Vorfeld allerdings etwas herumspielen. Die einzelnen Folgen sind nämlich recht kurz dimensioniert, wodurch die Signation bereits nach kurzer Zeit zu nerven beginnt. Zudem musste ich auf meinem iPod nach jeder Folge stets zur nächsten weiterklicken – was ärgerlich ist, wenn man ihn, so wie ich, vorrangig beim Spazierengehen benutzt. Ich fand einen Weg, den Podcast in der itunes-Software als Album einzuspielen und die ersten 20 Sekunden in den jeweiligen Folgen zu löschen. Seither werde ich mit jedem Straßenschritt klüger.
Und natürlich habe ich auch alle Videobeiträge auf http://www.fitfuerchina.org/category/videolektionen/ gesehen. Ich finde, Yutong macht das ziemlich gut. Wann erscheinen endlich die nächsten Folgen, lieber Stefan?
Anmerkung der Redaktion: Ähem, das könnte noch ein wenig dauern, sobald ich und Yutong Zeit haben werden wir’s probieren
Anmerkung II: Wenn ihr interessante Erfahrungen beim Chinesischlernen gemacht habt und auf fitfuerchina darüber berichten möchtet, schreibt mir einfach ein Mail an tauchhammer”ät”gmail.com.
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Stephan Burianek arbeitet als freier Journalist in den Bereichen Reise, Kultur & Lifestyle und ist Mitbegründer des Jin Sha Blogs.







